Schule: zwischen Leistung und Leben
- Michelle Yoga
- 31. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel gelesen (Quelle: Blick am 5.4.2026), der mich beschäftigt hat. Der oberste Schulleiter der Schweiz kritisiert unser Bildungssystem und sagt, dass Kinder zu früh bewertet, verglichen und in Schubladen gesteckt werden.
Und ganz ehrlich: Ich finde, er spricht einen wichtigen Punkt an.
Denn wenn ich heute mit jungen Menschen arbeite, dann spüre ich oft Folgendes. Viele Jugendliche stehen unter Druck und haben keinen Spass, es fehlt ihnen an Motivation. Dabei spielt die Schule eine zentrale Rolle. Sie sollen zu den Besten gehören und möglichst früh wissen, wohin sie wollen. Sie beginnen, sich zu vergleichen. Mit der Klasse, mit Freunden, mit Geschwistern. Und heute, durch die Digitalisierung, zusätzlich mit der ganzen Welt.
Früher verglich man sich vielleicht mit den zwei oder drei Besten in der Klasse. Heute vergleicht man sich permanent. Auf Instagram, TikTok oder Snapchat. Mit Likes, Followern, Erfolgsgeschichten, Körperbildern und Leistungen. Die ständige Bewertung, die bereits in der Schule beginnt, wird durch die Digitalisierung nochmals verstärkt.
Dabei kommt noch etwas dazu, das wir oft unterschätzen. Die ständige Ablenkung. Kinder wachsen heute in einer Welt auf, in der jederzeit etwas verfügbar ist. Displays, Videos, Games, Social Media. Gleichzeitig stehen viele Eltern selbst unter Druck und versuchen, alles richtig zu machen. Die Emotionen der Kinder sind wichtig, was grundsätzlich etwas Positives ist. Doch oft wird zur Ablenkung gegriffen, anstatt Raum zu lassen. Viele haben weder die Zeit noch das Wissen, ihren Kindern zu erklären, was Emotionen sind und wie sie diese selbst regulieren können.
Kinder werden beschäftigt, unterhalten und beruhigt, bevor sie überhaupt lernen, mit sich selbst umzugehen. Dabei wäre genau das entscheidend. Langeweile ist kein Problem. Langeweile ist ein Raum, in dem Entwicklung stattfinden kann. Ein Raum, in dem Kinder beginnen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, eigene Gedanken zu entwickeln und ein Gefühl für sich selbst aufzubauen.
Genau hier entsteht aus meiner Sicht ein Konflikt. Junge Menschen lernen zwar, wie man Prüfungen schreibt und wie man sich verhalten sollte. Aber sie lernen oft nicht, wie man mit Druck umgeht. Wie man mit Gedanken umgeht. Wie man mit sich selbst umgeht.
Ich erlebe in meinen Coachings immer wieder Jugendliche, die stark, talentiert und intelligent sind und bereits in jungen Jahren reflektieren. Aber sie wissen oft nicht, was ihnen guttut. Was zu ihnen passt, worin sie stark sind und was ihnen wirklich Spass bereitet. Stattdessen definieren sie sich über Noten, Leistung und darüber, was andere von ihnen denken.
Wenn dann einmal eine schlechte Prüfung kommt, ein Fehler passiert oder jemand anderes besser ist, gerät sofort alles ins Wanken. Nicht, weil die Situation so schlimm wäre, sondern weil der eigene Wert plötzlich davon abhängig gemacht wird.
Aber genau deshalb weiss ich heute, dass dauernde Bewertung nicht automatisch stärker macht. Im Gegenteil. Wenn wir nie lernen, mit uns selbst in Verbindung zu bleiben, verlieren wir irgendwann das Vertrauen in uns.
Wir investieren unglaublich viel Zeit in Mathematik, Sprachen und Geschichte. Alles wichtige Fächer. Aber wo lernen Kinder und Jugendliche etwas über mentale Gesundheit? Wo lernen sie, wie Gedanken funktionieren? Wie man mit Druck, Selbstzweifeln oder Vergleichen umgeht? Wo lernen sie, wie man Ruhe und Gelassenheit entwickelt? Wie man mit Gedanken umgeht und sein eigenes Wohlbefinden bewusst beeinflusst? Wie man lernt, sein eigener bester Freund zu sein, anstatt abhängig von äusseren Einflüssen zu werden?
Sie sollten sich bewusst mit ihren Stärken auseinandersetzen. Was kann ich gut? Was interessiert mich wirklich? Was motiviert mich? Und wie kann ich diese Stärken weiterentwickeln?
Gleichzeitig braucht es ein Zusammenspiel zwischen Schule und den Schülerinnen und Schülern. Die Schule gibt Struktur, Wissen und Orientierung. Die Kinder und Jugendlichen bringen ihre Persönlichkeit, ihre Interessen und ihre Entwicklung mit. Wenn beide Seiten Verantwortung übernehmen, entsteht ein Umfeld, in dem echtes Lernen möglich wird und auch Spass machen kann.
Für mich bedeutet Eigenverantwortung deshalb nicht, dass man noch mehr leisten muss. Sondern, dass man sich selber kennenlernt. Dass man merkt, wann man unter Druck gerät. Dass man weiss, was einem hilft. Dass man Verantwortung für die eigenen Gedanken und das eigene Verhalten übernimmt. Und ja, wir leben in einer privilegierten Gesellschaft.
Und ja, wir leben in einer privilegierten Gesellschaft. Genau deshalb ist es wichtig, dass junge Menschen nicht nur Möglichkeiten sehen, sondern auch lernen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv an ihrer eigenen Entwicklung zu arbeiten.
Genau aus diesen Beobachtungen heraus habe ich gemeinsam mit Fabian Lüthi ein modifizierbares Angebot für Schulen entwickelt. Fabian ist ehemaliger Eishockeyprofi und arbeitet heute als Mentalcoach. Mit seiner Sicht aus der Profisportwelt bringt er wertvolle Erfahrungen mit. Gemeinsam verbinden wir zwei Welten. Die Realität des Schulalltags und die Werkzeuge, um mit Druck, Gedanken und Emotionen besser umzugehen.
Wir wollen den Schülerinnen und Schülern nicht mit Erwartungen entgegentreten. Im Gegenteil. Wir möchten ihnen helfen, sich selbst besser kennenzulernen, ihre Stärken zu entdecken und eine gesunde Beziehung zu sich selbst aufzubauen.
Fabian und ich sind überzeugt, dass wir Kindern und Jugendlichen, die sich selbst verstehen, nicht nur in der Schule helfen, sondern ihnen fürs ganze Leben etwas mitgeben.
Namasté Michelle






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